Wir haben überhaupt keinen Energiemangel

Im Vorfeld des Future Day 18 haben wir uns mit Timo Leukefeld unterhalten. Der Energieexperte wird uns in seinem Future-Day-Talk am 7. Juni die richtige Balance zwischen High-Tech und Low-Tech näher bringen und erklären, was es mit intelligentem Verschwenden auf sich hat. Im folgenden Interview gibt uns Leukefeld vorab einen Eindruck davon, wohin sich das Thema Energie in Zukunft entwickeln wird.

 

Timo, wenn du über Zukunft nachdenkst, wie gehst du da vor?

Es ist immer sehr wichtig, eine gewisse Denkmethode anzuwenden, um über Zukunft nachzudenken. Ich selbst bin in einer Försterei aufgewachsen, dort habe ich dieses integrale Denken gelernt. Das basiert auf Zusammenhangswissen und das ist eine der Grundvoraussetzungen, um über Zukunft nachzudenken. Wer sich dafür interessiert, ist automatisch zukunftsaffin. Wer nicht in Zusammenhängen denkt, kann auch schlecht Zukunft gestalten.

 

Eines deiner Schwerpunktthemen ist das Wohnen. Wie sieht es dabei mit dem Zukunftsdenken aus?

Beim Wohnen haben wir noch immer sehr alte Vorstellungen. Wir leben in einer Wohnung, zahlen eine Kaltmiete, in der noch keinerlei digitaler Komfort mitgedacht ist, keine Assistenzsysteme oder dergleichen. Diese Kaltmiete nehmen wir als Vergleichswert am Markt und vergessen dabei, dass uns bei anderen Dingen wie der Warmmiete, Strom, Autofahren, etc. viel Geld aus der Tasche gezogen wird. Ich befasse mich mit der Frage, wie wir Wohnen und Energie in einer modernen Form zusammenbringen können. Und vieles läuft da im Moment in die Richtung eines Flatrate-Wohnens, wie wir es gerade mit einem Pilotprojekt in Cottbus auf die Beine gestellt haben. Eine Wohnungsgenossenschaft hot dort zwei Mehrfamilienhäuser gebaut, die hochgradig energieautark sind, bei  Storm- und Wärmeverbrauch liegen sie 60 Prozent unter einem Passivhaus. Jetzt ziehen die ersten Mieter ein, die 10,50 Euro pro Quadratmeter bezahlen, garantiert für 10 Jahre. Wohnen, Wärme, Strom und die Nutzung eines Elektroautos pro Haus sind darin bereits inkludiert.

 

Das Nutzen bekommt dabei einen höheren Stellenwert als das Besitzen, richtig?

Genau. Wenn wir ein wenig in die Zukunft blicken, dann zeichnen sich Gebäude im Sinne der von Jeremy Rifkin formulierten Null-Grenzkosten-Gesellschaft ab. Unsere Überlegung war; können wir ein Gebäude planen und bauen, das einen solchen Charakter hat? Bei dem die Betriebskosten schon in die Investition fließen? Wenn wir diese Null-Grenzkosten-Gesellschaft weiterdenken, löst sich dadurch der Kapitalismus in gewissen Nischen auf und wir kommen in eine Gesellschaft des Tauschens hinein, die berühmte Sharing Economy. Deren Triebkraft ist ja die Null-Grenzkosten-Wirtschaft. Das haben wir für Gebäude aufgegriffen und nutzen die Sonne.

Sonnenenergie ist eine klassische Technik in diesem Sinne: Man investiert anfangs, hat dann aber nur noch Wartung, Reparatur, Abschreibung – aber der Brennstoff ist für die nächsten zehn, 20, 30 Jahre umsonst. Dadurch ist es eben möglich, einen Energiepreis für einen langen Zeitraum festzulegen. Bei fossiler Energie hingegen ändern sich die Preise ständig, ein so langfristiges Kalkulieren ist unmöglich.

 

Früher wurde uns gesagt, das Öl wird uns ausgehen, dazu ist es aber nicht gekommen. Wie sieht es mit dem Energiebedarf und unseren Ressourcen aus?

Wir haben überhaupt keinen Energiemangel mehr auf dieser Erde, weder im fossilen noch im erneuerbaren Bereich. Da gibt es gerade ein Umdenken in der Gesellschaft, nachdem uns Jahrzehnte lang eingetrichtert wurde, wir sollen uns einschränken und Energie sparen. Plötzlich merken wir aber, Öl ist billig, Gas ist billig, die Sonne wird immer billiger. Letztere wird in den nächsten fünf Jahren die mit Abstand billigste Quelle der Energieerzeugung weltweit avancieren. Dadurch stellen sich natürlich viele Geschäftsmodelle völlig auf den Kopf.

 

Vor diesem Hintergrund, wie sieht denn eine persönliche Utopie aus?

Wir stehen vor einer Wahl. Wenn wir sehen, wie die Entwicklung künstlicher Intelligenz immer mehr Fahrt aufnimmt, müssen wir auch bedenken; eine ausgereifte KI wird sich immer darauf festlegen, die Lebensgrundlagen der eigenen Art zu erhalten, koste es, was es wolle. Sie wird also darauf achten, dass der Planet umweltschonend behandelt wird. Dann stellt sich aber die Frage, was passiert, wenn wir Menschen uns weiter umweltschädlich verhalten. Bevor es so weit kommt, sollten wir Menschen für uns schon diese Festlegung treffen. Das geht einerseits über den Weg, denn wir gerade besprochen haben. Wenn Sonne die günstigste Form ist, Energie zu gewinnen, wird man nicht auf Kohle, Uran oder Gas zurückgreifen, weil es alleine wirtschaftlich keinen Sinn macht. Es gibt Prozesse, die klären sich so von alleine. Unser Problem dabei, das dem Markt zu überlassen ist, es würde zu lange dauern. Und diese Zeit haben wir angesichts von Umweltveränderungen, Luftverschmutzung, Meeresspielgeanstieg, etc. einfach nicht mehr. Man kann zwar Wohnhäuser schon mit Sonnenenergie versorgen, aber wie machen wir das mit LKW oder Flugzeugen? Wie kann man eine Aluminiumschmelzhütte antreiben, die gigantische Leistungsdichten braucht? Es gibt noch  Bereiche, in denen man massiv mit Geld und Forschungsmitteln hineingehen müsste.

 

Wie sieht es mit der Speicherung aus, ist da eine Lösung absehbar?

Im Moment sehen wir die komplette Elektrifizierung. Alles was wir bislang mit anderen Energieträgern betrieben haben, soll jetzt mit Strom auskommen. Dahinter steckt auch viel Lobbying. Würden wir jetzt Österreich, Deutschland oder die Schweiz dementsprechend auf die günstigste Variante Solarenergie umrüsten, dann würden allerdings im Sommer die Netze überquellen und im Winter müssten wir Reservekraftwerke fossiler Art anwerfen, um Wärmepumpen und Elektromobile mit sehr schmutzigem Strom zu speisen. Denn Strom lässt sich nur für ein, zwei Tage speichern. Da sind wir zurück beim integralen Denken: Wir brauchen mehr Praktiker in diesen Prozessen, die auch physikalisch die Dinge in Zusammenhang bringen können und nicht nur politisch auf dem Papier. Die Lösung wären eigentlich Langzeitwärmespeicher, die gibt es seit der industriellen Revolution. Sie können Wärme über Wochen und Monate speichern und sind viel billiger als Stromspeicher. Das Problem dabei ist nur, Wärmespeicher haben keinerlei politische Lobby. Ich gehe davon aus, dass man das Thema Stromspeicherung in Zukunft lösen wird, wenn auch nicht mit Batterien. Ich sehe da andere Formen, zum Beispiel Überschussstrom in künstliches Erdgas oder künstlichen Wasserstoff umzuwandeln. Das sind Energieformen, die über lange Zeit verlustfrei gespeichert werden können.

 

Ist es naiv zu denken, irgendwann wird so viel Energie vorhanden sein, dass sie frei verfügbar ist?

Meiner Meinung nach wird Energie in Zukunft nichts kosten. Die Kilowattstunde wird tatsächlich im Null-Grenzkosten-Bereich ankommen.

Posted on 27. April 2018 in Speaker 2018

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