Mit Bedeutsamkeiten verändert man auch seine Zukunft

Im Vorfeld des Future Day 18 haben wir uns mit Gerald Hüther unterhalten. Der Neurobiologe wird uns in seinem Future-Day-Talk am 7. Juni seine Vision der Würde vorstellen und aufzeigen, wie wir in unsicheren Zeiten mehr Orientierung und echtes Glück erlangen. Im folgenden Interview gewährt er uns schon einmal Einblicke in seine Gedanken zu Zukunftsängsten.

 

Herr Hüther, wenn Sie über Zukunft nachdenken, wie gehen Sie da vor?

Änderungsprozesse werden ja möglich, wenn sich Bedeutsamkeiten für Menschen verschieben. Solange ein Mensch den gleichen Bedeutsamkeiten hinterherläuft, sprich bestimmte Dinge für extrem wichtig hält, entwickelt er lineare Strategien um diese Bedeutsamkeiten zu erreichen. Dann gibt es aber manchmal Phasen im Leben, in denen sich Bedeutsamkeiten ändern. Ich glaube, dass dort die Zukunft beginnt. Deswegen interessiert mich eigentlich auch nicht dieses lineare Weiterentwickeln dessen, was bisher schon war, sondern mich interessieren Entwicklungen, die sich nicht logisch aus dem ergeben, was bisher verfolgt wurde.

 

Würden Sie diese Zeitpunkte von Änderungsprozessen als Krisenmoment bezeichnen?

In gewisser Weise ja. Nehmen wir an, jemand hält es für furchtbar bedeutsam, in seinem Leben erfolgreich zu sein und Karriere zu machen. Das gelingt ihm, irgendwann verliebt er sich aber und erkennt plötzlich, dass dieses Karrierestreben eigentlich gar nicht seinem Wesen entspricht. Er findet es plötzlich bedeutsamer, sich der Familie zu widmen etc. Dadurch verändert sich die Zukunft dieses Menschen natürlich maßgeblich. Ein solcher Moment, in dem man Bedeutsamkeiten und damit verbundene Vorstellungen aufgibt, bedeutet hirntechnisch eine Destabilisierung. Eine solche geht man nicht gerne ein, weil es dadurch im Hirn zu einem ziemlichen Durcheinander kommt. Man spricht hier von Inkohärenz und dabei verbraucht das Hirn sehr viel Energie.

 

Inwiefern hängt das mit dem momentanen Gesellschaftszustand der Zukunftsangst, der Angst vor Veränderung und Neuem, zusammen?

Die lässt sich sozusagen daraus ableiten. Größere Gruppen von Menschen verfolgen bestimmte gemeinsame Vorstellungen, Dinge, die sie wichtig und bedeutsam finden.

Wenn sie von dem Angestrebten aber genug hergestellt bzw. erlangt haben, wird es selbstverständlich und verliert völlig seine Bedeutsamkeit. Dann ist es auch kein Treiber mehr für zukünftige Entwicklungen.

 

Sobald man etwas erreicht hat, erscheint es also redundant?

Etwas ist nur bedeutungsvoll, solange man es nicht hat. Wenn man es hat, verliert es seine Bedeutung und dann sieht man sich nach etwas Anderem um. Meist findet man dann etwas bedeutsam, das man bei der Verfolgung des ersten Zieles besonders stark vernachlässigt hat. Beziehungen beispielsweise.

 

Umgelegt auf die westliche Welt könnte man sagen: Wenn ein Großteil der Grundbedürfnisse bedient ist, setzt die Depression ein? Wir erreichen ein Ziel, dadurch fehlt uns dann das Ziel.

So ist es. Und das führt zu einer Irritation. Die damit einhergehende Destabilisierung wird als Angst wahrgenommen oder auch als Verunsicherung. Deshalb folgt in einer Gesellschaft nach einer Phase der Zielerreichung eine Phase, in der sich neue Zielorientierung aufbauen muss. Die ist zunächst nicht konsensfähig, weil es noch genug Teile der Gesellschaft gibt, die die alten Ziele noch weiter verfolgen wollen. Ich glaube, das ist es, was wir im Augenblick beobachten.

 

Was kann man in diesem Zusammenhang tun?

Aus meiner Sicht wäre die ultimative Lösung, das Formulieren von Zielen zu vermeiden. Denn Ziele haben immer diese unangenehme Eigenschaft, dass man sie erreichen kann. Man müsste gemeinsam etwas verfolgen, das man nicht erreichen kann. Ansonsten wird ein Ziel nach dem anderen erreicht und irgendwann taucht die Frage auf, wie es jetzt weitergehen soll. Was wirklich Orientierung bieten kann, ist aus meiner Sicht das „Anliegen“. Gemeinsame Anliegen zeichnen sich dadurch aus, dass sie allen Beteiligten gleichermaßen am Herzen liegen, sie auch dazu bereit sind, einiges auf sich zu nehmen. Aber Anliegen sind nicht so konkret wie Ziele. Ein Anliegen läuft darauf hinaus, dass man es eigentlich nie erreicht. Ein Anliegen das mich persönlich beschäftigt ist zum Beispiel, dass ich ein Leben in Würde führen möchte und ich die Würde von anderen Menschen nicht verletzen will. Dabei weiß ich ganz genau, dass dieses Anliegen mein ganzes Leben bestimmen kann. Abschließend erreichen werde ich es aber nie. Das ist insbesondere aus neurobiologischer Sicht interessant, weil dieses nicht zu erreichende Anliegen kohärenzstiftend wirkt.

 

Sind unsere Hirne aber nicht eigentlich neurobiologisch so gestrickt, dass Ziele ein sehr sinnvolles Mittel zum Zweck im Rahmen der gesellschaftlichen, menschlichen und biologischen Evolution sind? Will unser Belohnungssystem nicht Ziele?

Etwas, das wir Hirnforscher erst in den letzten Jahren verstanden haben, ist etwas ziemlich Banales: Die gesamte Arbeitsweise des Gehirns organisiert sich immer wieder selbst so, dass es mit dem geringstmöglichen Energieverbrauch am Laufen gehalten wird. In diesem Zustand der Kohärenz passt alles. Denken, ein Konflikt oder Problem treibt den Energieverbrauch in die Höhe. Das versuchen wir zu umgehen. Das Belohnungssystem springt an, wenn es gelingt, einen inkohärenten Zustand in einen kohärenteren zu überführen. Es werden Botenstoffe ausgeschüttet, wir befinden uns in einem schönen Zustand. Die Langfristigkeit ist dem Gehirn dabei allerdings egal. Das führt leider dazu, dass wir kurzfristige „Lösungen“ bevorzugen. Deshalb kann man sich beispielsweise bei einem Partnerschaftskonflikt auch betrinken, anstatt ihn zu lösen. Dem Hirn ist das auch recht, Hauptsache, es herrscht vorerst wieder Ruhe und es wird weniger Energie verbraucht. Überlisten können wir das Gehirn mit Zielen, die sozusagen eine höhere Kohärenz ausstrahlen als all die Inkohärenzen, die unterwegs auftreten. Wenn Sie zum Beispiel Mediziner werden möchten, dann halten Sie dieses furchtbare Studium aus, obwohl es Sie dauernd in Inkohärenzen bringt. Dumm ist nur, dass man Ziele eben erreichen kann und dann geht der alte Zirkus wieder los. Deswegen braucht man Anliegen.

 

Wie sieht denn Ihre persönliche Utopie aus?

Es wäre eigentlich alles gut, wenn es gelänge, dass Menschen in unseren westlichen Gesellschaften anfangen darüber zu reden, was sie eigentlich unter ihrer Würde verstehen.

Ich glaube Kant hat das ziemlich klar auf den Punkt gebracht: Die Würde ist eine Vorstellung von sich selbst als ein Teil einer Gemeinschaft. Das heißt Würde kann man nur über seine eigene Beziehung zu den anderen definieren. Wir werden uns, ob wir wollen oder nicht, allmählich einigen müssen, was wir eigentlich als menschlich würdevoll betrachten und was wir unter unserer eigenen Würde verstehen. Wem das gelungen ist, wer also ein Bewusstsein seiner eigenen Würde entwickelt hat, der ist nicht mehr verführbar. Und wenn Sie davon ausgehen, dass es größere Schichten in der Bevölkerung gibt, die diese Bewusstwerdung ihrer eigenen Würde durchlaufen, dann ahnen Sie, welche Konsequenzen das für eine Konsumgesellschaft hat.

Posted on 27. April 2018 in Speaker 2018

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